Kommentar: future!


Tunnelmonster verschlingt 48 Millionen Euro

logofutureWo geht’s denn hier zur Innenstadt?“ - „Wollen sie da wirklich hin?!“ Diesen Dialog wird man in Magdeburg zukünftig wohl öfter hören, wenn die Ausbaupläne des Tunnels Realität werden. Sicherlich freuen wir uns dann über einen autofreien Bereich, dem aktuell jedoch kaum eine hohe Bedeutung zugesprochen wird. Oder wann waren sie das letzte Mal unter den Bahnhofsbrücken schlendern?

Eine hohe Bedeutung muss dem Bereich der Kreuzung Reuter-Allee/Breiter Weg zugesprochen werden, der täglich von zehntausenden Menschen zu Fuß genutzt wird. Ähnlich sieht es auch der vor einem Jahr von der Stadtverwaltung organisierte Workshop „Neue Mitte“, der die Stärken und Schwächen der Innenstadt analysierte und sich daraus ergebende Handlungsempfehlungen beschrieb. Unter anderem heißt es darin, dass „im Bereich der Kreuzung Breiter Weg/Reuter Allee, der eigentlichen Mitte Magdeburgs, Fragen der Aufenthaltsqualität, der Identifizierbarkeit und der Gestaltqualität besonderes Gewicht haben müssen, da sie mit prägend für die Wahrnehmung der Stadt als Ganzes sind“. Kurz gesagt: Eine lebendige bunte Innenstadt mit Vielfalt und Dichte.

Und Magdeburg überrascht – mal wieder. Mit einer ganz anderen Interpretation der Begriffe. Hier scheint man damit eine möglichst hohe Anzahl von gedrängt aneinanderstehenden bunten Autos und LKWs zu meinen, die die Menschen fast schon nötigen, mit schnellem Schritt über die Ampelkreuzung zu laufen, um in einer Straßenbahn oder einer Allee-Center Drehtür zu verschwinden. Motorenlärm, Abgase, Hupkonzerte. Alltag in der Magdeburger Innenstadt.

Aufenthaltsqualität? Ausverkauft! Da freut sich dann auch die IG Einzelhandel, ääh Innenstadt, die sich ja selbst für die Öffnung des Nordabschnittes Breiter Weg für Autos einsetzt. Wann fangen wir hier in Magdeburg endlich an zu begreifen, was andere Städte längst begriffen haben?!

Leipzig, Mainz, Rostock, München, Dresden, Erfurt, Mannheim… Nur ein kleine Auswahl an Städten, die die Aufenthaltsqualität der schlendernden Bürger und Touristen gestärkt haben, indem der Autoverkehr um die Innenstadt herum geleitet wird. Und es lohnt sich: Die Innenstadt wird zur Oase, wo man verweilen und durchatmen kann; zum Treffpunkt; zum Erlebnisraum, den man täglich neu entdecken kann, in dem Straßenmusiker und Schauspieler sich nicht den Motorenlärm geschlagen geben müssen, in dem Menschen das Bild der Innenstadt prägen und nicht Fahrzeuge aus Blech und Stahl. Sogar die Stadt Wien überlegt ernsthaft, den motorisierten Individualverkehr komplett aus der Innenstadt zu verbannen. „Die Stadt würde auch so funktionieren und die City würde durch mehr Lebensqualität und Ruheräume noch stärker aufgewertet werden“ heißt es aus dem Rathaus. Wien – eine Stadt mit 1,7 Millionen Einwohnern, die über unsere Verkehrs“probleme“ lachen würden – wie sicherlich in zahlreichen anderen Städten auch. Nur dort findet man dort den Mut, sich auch mal gegen die Meinung von Parteivorgesetzen, Landesbediensteten, Bauunternehmern und laut aufschreienden Autofans durchzusetzen.

So würde es auch in Magdeburg funktionieren, wenn man die Ernst-Reuter-Allee zwischen Jakobstraße und Otto-von-Guericke-Straße vollständig sperren würde. Was wäre das für ein neues bisher unbekanntes Lebensgefühl für die Magdeburger, wenn die Autos zukünfig nur noch links und rechts in die Guericke-Straße einbiegen könnten? Die B1 würde in ihrem jetztigen Ausbauzustand die zusätzlichen Verkehrsflüsse problemlos aufnehmen können. Die sehr gute Anbindung an das auch bald vollständig vierspurig ausgebaute Schleinufer führt nach Süd oder mit Anschluss an die beiden Brückenzüge nach Ostelbien. Bisherige Fahrzeiten würden sich kaum verändern, das Lebensgefühl der Innenstadt hingegen schon. Sicherlich würde es bei der Variante anfangs noch einige Problemen geben. Ampelschaltungen müssten optimiert werden und die Gewohnheiten der Autofahrer müssten sich auch erst einmal daran gewöhnen. Aber dafür würde man Gelder in Höhe von 48 Millionen Euro sparen! Eine Zahl, bei der man in Zeiten von Armutsdebatten und hungernden Schulkindern nur den Kopf schütteln kann, auch wenn die Stadt selber nur einen Bruchteil davon bezahlen muss.




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